„Pure Zockerei“: Suchtbeauftragter der Regierung warnt vor Sportwetten zur EM

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Nach Zahlen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen aus dem Jahr 2023 (PDF) leiden in Deutschland rund 1,3 Millionen Menschen unter einer Störung durch Glücksspiele, weitere drei Millionen gelten als problematisch spielend.

Regulierungsmaßnahme Einführungsjahr Kurzfristiger Umsatzeffekt Langfristiger Umsatzeffekt (geschätzt)
Lizenzpflicht für Anbieter 2020 -15 % (Marktbereinigung) + Stabilisierung, + Kundenvertrauen
Monatliches Einzahlungslimit (optional) 2021 -5 % bei betroffenen Kunden gering, da freiwillig
Werbeverbote in bestimmten Zeiträumen 2022 -3 % während Verbotsphasen vernachlässigbar
Verpflichtende Sperrsysteme (OASIS) 2023 kaum messbar + Schutz, kaum Umsatzverlust

Knapp 30 Prozent der 16- bis 70-Jährigen gaben damals an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal an einem Glücksspiel teilgenommen zu haben.

  • Umsatzvergleiche zwischen dem regulierten deutschen Markt und dem bisherigen grauen Markt
  • Auswirkungen von Einzahlungslimits und Sperrsystemen (OASIS) auf das Umsatzvolumen
  • Umsatz mit virtuellen Sportwetten (KI-generierte Sportereignisse) wächst langsam, aber stetig
  • Der Anteil des Sportwettenumsatzes am gesamten Glücksspielumsatz in Deutschland beträgt etwa ein Drittel

Bei rund vier Prozent aller ambulanten Suchthilfefälle stehe das pathologische Spielen im Mittelpunkt der Behandlung.

Bundesland Steuersatz Steuereinnahmen 2023 (in Mio. €) Steuereinnahmen 2024 (in Mio. €)
Hessen (Glücksspielaufsicht) 5,3% vom Umsatz 288,5 312,7
Baden-Württemberg 5,3% vom Umsatz 142,1 154,8
Bayern 5,3% vom Umsatz 135,9 148,2
Nordrhein-Westfalen 5,3% vom Umsatz 198,4 215,0

Der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, warnte zuletzt vor einer wachsenden Belastung durch Glücksspiel in Deutschland, auch für Kinder. Hunderttausende von ihnen wüchsen mit einem spielsüchtigen Elternteil auf.

Neben den Buchmachern profitiert auch die Staatskasse

Die ZEIT berichtete im Juli vergangenen Jahres über Klagen gegen Tipico, bei denen Kundinnen und Kunden die Rückzahlung ihrer Wetteinsätze forderten. Hintergrund waren Wetten, die vor der Erteilung der deutschen Glücksspielkonzession im Jahr 2020 abgeschlossen worden waren. Mehrere deutsche Gerichte gaben den Klägern recht. Die auf Malta ansässige Tipico-Gruppe kann sich allerdings auf ein dort beschlossenes Gesetz stützen, das die Anerkennung und Vollstreckung ausländischer Urteile in solchen Fällen ausschließt. Seit 2022 ist das pathologische Glücksspiel in der Kategorie der Verhaltenssüchte im ICD-11 gelistet, der weltweit anerkannten Klassifikationsliste der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Illegale und vor allem digitale Angebote verschärften die Lage. Glücksspiel sei "keine harmlose Freizeitbeschäftigung", sondern eine der häufigsten Abhängigkeitserkrankungen mit gravierenden sozialen und gesundheitlichen Folgen.

  • Regulierung durch den Staatsvertrag zum Glücksspielwesen 2021 bildet die rechtliche Umsatzgrundlage
  • Nur Anbieter mit deutscher Lizenz dürfen legal Umsätze auf dem deutschen Markt generieren
  • Umsätze aus illegalen, nicht lizenzierten Anbietern werden auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzt
  • Die GGL bekämpft illegale Anbieter, um den Umsatz in den legalen Markt zu lenken

Er forderte konsequenten Jugend- und Spielerschutz, mehr Prävention und verlässlichere Daten, um Betroffene und ihre Familien besser zu schützen.

Sportwetten in Berliner Sportvereinen ein Thema

Auch die zunehmende Aufmerksamkeit für Sport spielt eine Rolle – Wettanbieter wuchsen symbiotisch mit dem zu jeder Uhrzeit laufenden Spitzensport. Und das Leben der Aktiven: Gerade im Profisport sind das Menschen mit viel freier Zeit und häufig zu viel Geld, die den Kick des Spieltags zu reproduzieren versuchen und sich bei Sportwetten für kompetent halten. Laut Fan-Organisation „Unsere Kurve“ weisen zehn Prozent der Profi- und Breitenfußballer:innen problematisches Zockverhalten auf. Obwohl Experimente nachgewiesen haben, dass etwa Sportreporter:innen nicht erfolgreicher tippen als an Fußball desinteressierte Hausfrauen. Ein Werbeverbot wäre ein wichtiger erster Schritt, ein Allheilmittel ist es nicht.

Rechtliche Struktur

Der Markt muss viel ambitionierter reguliert werden. Plumpe Verbote bringen nicht viel, durch sie entstand in Deutschland ein unregulierter Online-Schwarzmarkt. Und die Finanzierung von Sport an sich gehört endlich geändert. In einem System, wo mehr Geld bessere Spieler:innen und damit mehr Erfolg bringt und alle Klubs nach oben streben, sind sie bereit, Geld aus jeder erdenklichen Quelle anzunehmen. Längst sind das Summen, die nur unethische Konzerne bereitstellen können.

DFB und DFL verweisen auf die Präventionsarbeit

Gesellschaftliche Schäden finanzieren dieses Spiel und die Villen seiner Helden, in dem Fall zahlen Süchtige und Prekäre. Solange wir keine andere Wettbewerbsstruktur und eine gesellschaftlich gesteuerte Finanzierung statt Profitmaximierung schaffen, ist die Ausbeutung nicht zu besiegen. Immerhin, mittlerweile gibt es auch hierzulande eine Lobby gegen Sportwettenwerbung: Durch Fan-Organisationen wie „Unsere Kurve“ oder das neu gegründete Bündnis gegen Sportwettenwerbung. Um zumindest der unheiligen Symbiose ein Ende zu setzen. Nur noch 430 – dann sind wir 50.000 Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. +++ Korrekturhinweis: Wir haben im letzten Absatz den Namen des Drogenbeauftragten korrigiert. Gerade einmal zweieinhalb Monate sind es noch, ehe in Deutschland die Fußball-EM beginnt. Schon jetzt ist klar, dass dieses Turnier in einer Hinsicht eine Neuerung darstellen wird: Mit dem Anbieter Betano wird es erstmals bei einer Europameisterschaft einen Sportwettenanbieter geben, der zum offiziellen Sponsorenfeld des Turniers gehört. Es ist ein Umstand, der Suchtforscher die Hände über den Kopf zusammenschlagen lässt – denn das Geschäft mit dem vermeintlich leicht verdienten Geld sorgt seit Jahren für zerbrochene Existenzen.

Zahl der Woche Nr. 03 vom 14. Januar 2025

Bei der Übernahme durch CVC war Tipico noch mit rund 1,4 Milliarden Euro bewertet worden. Neben dem Wettgeschäft ist Banijay auch als Fernsehproduzent aktiv. Dazu gehört unter anderem die niederländische Produktionsfirma Endemol Shine, die weltweit durch das Showformat Big Brother bekannt geworden ist. Mit der Übernahme von Tipico halten sich die beiden Sparten künftig in etwa die Waage, bisher machte BetClic knapp ein Drittel des Umsatzes aus. Dem Verkauf müssen noch die Wettbewerbsbehörden zustimmen.

Während der Fußball-EM werden vermehrt Sportwetten abgeschlossen

Banijay will seine Beteiligung an der deutschen bet-at-home.com abgeben, um Überschneidungen im Markt zu vermeiden. Zusammengenommen kamen BetClic und Tipico im Jahr 2024 auf rund drei Milliarden Euro Umsatz und ein bereinigtes Ergebnis von 854 Millionen Euro. Tipico wurde 2004 in Karlsruhe gegründet und gilt als Marktführer in Deutschland. Das Unternehmen erzielte 2024 rund 1,3 Milliarden Euro Umsatz und übernahm im September den österreichischen Anbieter Admiral. In Deutschland betreibt Tipico neben dem Onlinegeschäft rund 1.250 Franchise-Filialen. Alleine in Deutschland wiesen 2023 laut einer Untersuchung der Universität Bremen 2,4 Prozent der Bevölkerung – also etwa zwei Millionen Menschen – eine Glücksspielstörung auf.

  • Regionale Umsatzunterschiede zwischen den Bundesländern, abhängig von Bevölkerungsdichte
  • Nordrhein-Westfalen und Bayern sind die umsatzstärksten Bundesländer
  • Umsatz aus mobilen Wetten (via App) hat den Desktop-Umsatz deutlich überholt
  • Demografische Faktoren: Hauptumsatz wird von der Altersgruppe 25-45 Jahren getätigt

Etwa eine halbe Million gelten als schwere Fälle.

Klagen gegen Tipico

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Verluste von Glücksspieler*innen

Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 430 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Der Sportwettenanbieter Tipico bekommt einen neuen Eigentümer. Der Finanzinvestor CVC verkauft das Unternehmen an den französischen Medien- und Glücksspielkonzern Banijay zu einem Gesamtwert von 4,6 Milliarden Euro.

Steuern und Abgaben

Banijay will Tipico mit seiner eigenen Plattform BetClic zusammenführen und damit einen der größten europäischen Anbieter für Sportwetten und Online-Glücksspiel schaffen. Das bet gratiswetten wettformat teilten die Unternehmen in Paris mit. Banijay soll zunächst 65 Prozent an dem neuen Gemeinschaftsunternehmen halten, der Anteil soll später auf 72 Prozent steigen. CVC, das 2016 bei Tipico eingestiegen ist, bleibt als Minderheitsaktionär an Bord. Auch die Gründer von Tipico wollen ihre Anteile vollständig in das neue Unternehmen einbringen. Hinter jeder Zahl stecken Schicksale: Jede Suchtberatungsstelle kann Geschichten liefern von Familienvätern, die die gemeinsamen Ersparnisse verzocken und Schulden anhäufen, die meist um die 50.000 Euro liegen.

Aufklärung, Prävention und Werbeverbote

Längst ist das Zocken so eng mit dem Kicken verknüpft wie die uralte Autos-und-Bier-Leier. Schon als viele der Konzerne noch illegale Angebote hatten, störte das den FC Bayern, den DFB oder auch den netten SC Freiburg nicht. Seit Juli 2021 ist nun alles noch viel leichter: Seitdem ist der neue Glücksspielstaatsvertrag in Kraft, der Online-Glücksspiel unter Auflagen legalisiert und Sportwetten bundesweit erlaubt. Schon bei der Einführung kritisierten Expert:innen die zu lasche Kontrolle, die einhergehende Amnestie für illegale Anbieter und zu lasche Auflagen. Nun hat die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen einen Bericht vorgelegt, der den Verdacht bestätigt: Die Legalisierung hat nichts eingehegt, sondern dem Profit mit der Abzocke Tür und Tor geöffnet.

Ökonomen haben ausgerechnet, wer Weltmeister wird

Für den Glücksspielmarkt stiegen die Umsätze laut Bericht 2021 um 14,6 Prozent; Sportwetten explodierten um heftige 409,6 Prozent auf einen Umsatz von 18,3 Milliarden Euro. Der Bericht führt das vor allem auf den geänderten Glücksspielstaatsvertrag zurück. Mehr Regulierung ist überfällig auf dem deutschen Markt, der fatalerweise den gegenteiligen Weg vieler anderer europäischer Länder gegangen ist. Seit 2018 schon hat Italien jegliche Glücksspielwerbung auch im Sport verboten. Spanien zog nach und verbietet ebenfalls Sponsoring von Glücksspielanbietern für Sportteams; TV-Werbung ist stark reguliert.

Hendrik Streeck, Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen

Und im April einigten sich die Klubs der englischen Premier League, Wettanbieter ab 2026 zumindest auf der Vorderseite ihrer Trikots nicht mehr zu zeigen. In Deutschland ließ man den Markt erst lange in einer rechtlichen Grauzone und hat ihn danach weit geöffnet, inklusive aggressiver Vermarktung. Bei aller Schrille der Stimmen wäre es zu einfach, die Umsatzsteigerung allein auf Werbung und die Neuregelung zurückzuführen. Grund ist zum Beispiel der Wandel des Wettmarkts selbst von piefigen Wettlokalen hin ins Internet, wo die Hemmschwelle geringer ist, wo Geld mit einem Klick verschwindet und die Angebote schwerer kontrollierbar sind. Und die stetig wachsende Zahl der Anbieter, die gerade bei jungem und prekärem männlichem Publikum einen Markt finden. Schließlich soll die nächste Wette die Verluste zuvor wieder ausgleichen. Das Bündnis gegen Sportwetten-Werbung, hinter dem Experten der Uni Bremen, der Fanverband Unsere Kurve oder Präventionsprojekte der Bundesländer stehen, kritisierte daraufhin bereits, dass die Organisatoren der EM – der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Uefa – beim Schutz vor problematischem Glücksspiel versagen. Sylvia Schenk von Transparency International kritisiert, dass die EM Sportwetten salonfähig mache: "Mögliche Kollateralschäden – wie die erheblichen Suchtgefahren – werden hingegen ausgeblendet oder bagatellisiert." Auch Konrad Landgraf von der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern gehört zu den Unterzeichnern der Kritik.